5½ Fragen an Dr. Karl von Wendt

5 1/2 Fragen an Dr. Karl Wendt, der mit der Briends GmbH die App Papego entwickelt hat, Gewinner des Isarnetz Medieninnovationsaward 2016.

Die Briends GmbH entwickelte die App Papego, die im Rahmen der Münchner Webwoche den Medieninnovationsaward 2016 gewonnen hat. Die App hat deshalb überzeugt, weil sie eine simple Lösung für ein immer häufiger auftretendes Problem bereitstellt. Wir haben mit Dr. Karl von Wendt, dem Geschäftsführer der Briends GmbH, über seine App, digitale Medien und die Münchner Szene gesprochen.

MWW: Hallo Karl, könntest Du die Briends GmbH kurz vorstellen und erzählen, was die App Papego genau macht?

KARL VON WENDT: Mit der kostenlosen Papego-App kann man gedruckte Bücher unterwegs auf dem Smartphone oder Tablet weiterlesen. Dazu scannt man einfach die zuletzt gelesene Seite im gedruckten Buch und bekommt dann innerhalb von Sekunden einen Auszug von 25 Prozent des Buches ab der gescannten Seite, den man in der App weiterlesen kann. Da die App die Seitenzahlen der Druckausgabe anzeigt, kann man jederzeit bequem zum gedruckten Buch zurückkehren. Eine Registrierung ist nicht erforderlich.

MWW: Mit dieser App habt Ihr eine benutzerfreundliche Lösung für ein aufkommendes Problem der Digitalisierung gefunden. Wie seid Ihr auf diese Idee gekommen?

KARL: Vor etwa zwei Jahren hatte ich genau das Problem, das wir mit Papego lösen. Ich las gerade ein spannendes Buch – „Joyland“ von Stephen King, ich war auf Seite 73 – und musste morgens mit der U-Bahn zu einem Kunden fahren. Ich hätte das Buch gern unterwegs weitergelesen, hatte aber keine Lust, das Hardcover den ganzen Tag mitzuschleppen, und in der U-Bahn ist so ein dickes Buch auch nicht gerade praktisch. Also dachte ich, wäre doch toll, wenn auf jeder Seite ein kleiner Barcode wäre, den man dann scannt und schon erhält man einen kostenlosen Buchauszug ab dieser Seite.

Aber die Idee war natürlich doof, wer will schon einen Barcode auf jeder Buchseite? Trotzdem dachte ich auf dem Weg zum Kunden weiter darüber nach. Erst, als ich aus der U-Bahn ausstieg, wurde mir klar: Der „Barcode“ ist ja schon da! Jede Buchseite ist individuell wie ein Fingerabdruck, und mit der richtigen Technik kann man Buch und Seite schnell identifizieren. So wurde die Papego-Idee geboren.

MWW: Kennst Du noch andere Projekte rund um das Thema Digitalisierung am Standort München, die Dich begeistert haben?

KARL: Da wir in Hamburg beheimatet sind, kenne ich mich in der Münchner Digitalszene nicht so gut aus. Aber München ist eine Verlagshochburg und es gibt einige sehr spannende Digitalprojekte der Verlage und Buchhändler dort. Zum Beispiel hat die Tolino-Allianz dort ihren Sitz – immerhin ist Deutschland das einzige Land auf der Welt, das es geschafft hat, dem Amazon Kindle ernsthaft etwas entgegenzusetzen, und das durch eine Zusammenarbeit erbitterter Wettbewerber. Ich wünschte mir so viel Kooperationsgeist und Bereitschaft zum Überbrücken von Differenzen angesichts internationaler Herausforderungen zum Beispiel auch in der EU.

Dann wurde mit Neobooks in München die erste Selfpublishing-Plattform eines Verlags ins Leben gerufen und Skoobe ist die einzige ernstzunehmende von Amazon unabhängige Leseflatrate in Deutschland. Nicht zuletzt macht auch der Piper Verlag einige sehr spannende Digitalprojekte. Nicht nur war er der erste, der auf Papego setzte – auch die mehrfach ausgezeichneten „Travel Episodes“, die ja auch beim Isarnetz Award für Medieninnovation einen der vorderen Plätze belegten, stammen von dort. Und natürlich ist es auch kein Zufall, dass Amazon selbst hier seinen deutschen Hauptsitz hat. Es passiert also sehr viel in München.MWW: Wenn Du auf Deine Erfahrung zurückblickst: Welches Potential schlummert in München als Digital- und Kreativstandort? Wo würdest Du selbst gerne mehr vorantreiben?

KARL: Ich arbeite, wie gesagt, momentan in Hamburg, habe aber Anfang der Neunziger in der „Sturm und Drangphase“ des Privatfernsehens in München gelebt und bei Tele 5 gearbeitet. Von damals weiß ich noch, dass es extrem viel kreatives Potenzial in der Stadt gibt, und das hat sich sicher nicht geändert.

Im Übrigen glaube ich zwar einerseits, dass Wettbewerb zwischen Standorten durchaus kreatives Potenzial freisetzen kann, finde aber andererseits den ständigen Vergleich zwischen Berlin als Startup-Hauptstadt und „dem Rest von Deutschland“ öde. Vielleicht wäre da ein etwas globaleres, standortübergreifendes Denken sinnvoll. Ich finde es zum Beispiel toll, dass wir als Hamburger Startup den Isarnetz-Award gewinnen konnten – das macht uns auch sehr stolz.

MWW: Die Münchner Webwoche hat 2016 bereits stattgefunden. Mit welchem Event könntest Du Dir vorstellen, an der Webwoche 2017 teilzunehmen?

KARL: Darüber habe ich ehrlich gesagt noch nicht nachgedacht. Ich weiß, so ein Jahr geht schneller rum, als man denkt, aber die Webwoche 2017 erscheint mir momentan noch sehr weit in der Zukunft zu liegen. Das liegt vielleicht an den vielen Aufgaben, die unmittelbar vor uns liegen – Finanzierungsrunde, weitere Verlage an Bord holen, Technik weiterentwickeln, internationale Kontakte knüpfen, Buchhändler und Leser für Papego begeistern … Vielleicht sprechen wir in einem halben Jahr noch einmal darüber.

MWW: Und nun die „halbe“ Staffelfrage: Von welcher Persönlichkeit der digitalen Szene in München würdest Du an dieser Stelle gerne 5einhalb Antworten lesen?

KARL: Es gibt eine Menge interessanter Leute in München, die sicher auch einiges zur Zukunft der Digitalszene zu sagen haben. Mir fällt da zum Beispiel Stephan Roppel ein, der bei Hugendubel den Digitalbereich leitet. Wenn man mit ihm spricht, dann merkt man, dass der Buchhandel in diesem Bereich viel weiter ist, als die meisten glauben.

Auf Verlagsseite wären das etwa Michael Döschner-Apostolidis, der bei Holtzbrinck den neu gegründeten Digitalbereich operativ leitet, oder Kornelia Holzhausen, die in ähnlicher Funktion bei Piper arbeitet. Nicht zuletzt wäre es auch toll, von Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber zu hören, was er noch so alles vorhat. Obwohl, das wird er Euch wohl kaum erzählen. 😉 Ich gebe also den Staffelstab erstmal an Stephan Roppel weiter.

MWW: Vielen lieben Dank für Deine Zeit!


[„5einhalb Fragen an…“ ist ein festes Format dieses Blogs. Wir wollen den großen und kleinen Gestaltern der Digitalwirtschaft Bühne und Forum sein. Die Interviewreihe räumt Platz dafür ein, dass sich engagierte Persönlichkeiten der Szene mit ihren Projekten vorstellen können.]

Merken