, ,

Dirk von Gehlen: Macht der Internet-giganten nicht gottgegeben

Herr von Gehlen, wir freuen uns sehr, dass sie beim 2. Münchner Digital Dialog dabei sein werden. Sie leiten die Abteilung Social Media / Innovation Bei der Süddeutschen Zeitung und befassen sich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. In allen Social Media-Kanälen sind sie „early adopter“, auf Twitter beispielsweise sind Sie bereits seit 2007. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, das Digitale treibt Sie um.

Frage: Wie steht es denn um die digitale Transformation in Bayern? Wir haben nun den „Masterplan BAYERN DIGITAL II“, der von 2018 bis 2022 die Digitalisierung vorantreiben soll. Also endlich Glasfaser, endlich WLAN-Hotspots – auch in Schulen, endlich die Förderung von 5G Forschungs- und Entwicklungsprojekten, und so weiter und so fort. Mal ehrlich: hat die bayerische Politik die Digitalisierung nicht in den letzten Jahren völlig verschlafen?

Antwort: ¯\_(ツ)_/¯

Im Ernst: Die Digitaldebatte wird gerne und oft in Extremen geführt. Zwischen „total verschlafen“ und „Marktführer“ scheint es wenig zu geben. Ich bin aber der Meinung: Genau dort beginnt Politik.

 

Frage: Was muss Ihrer Meinung nach jetzt sofort passieren, damit wir hier in Bayern nicht den Anschluss an die anderen, innovativeren Länder komplett verlieren?

Antwort: Ich fände es schön, wenn wir den Menschen, die sich im Digitalen heimisch fühlen, die gleiche Förderung und Wertschätzung entgegen bringen wie jenen, die offline leben. Damit kann jede und jeder bei sich beginnen und die Politik kann dann weitermachen.

 

Frage: In Ihrem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ regen Sie dazu an, dass wir unsere eigenen Denk- und Verhaltensmuster hinterfragen. Mit dem Emoticon „Shruggie“ illustrieren Sie die Ratlosigkeit, die uns manchmal auch Angesichts dieses komplexen Gebildes „Internet“ befällt. Einerseits wollen und brauchen wir mehr Digitalisierung, andererseits überfordert sie uns hier und da. Wie gehen Sie mit dieser Ambivalenz um und wie sollten wir das Ihrer Meinung nach tun?

Antwort: Gemeinsam mit dem Shruggie wünsche ich mir, dass wir bereit sind, uns verstören zu lassen, das bedeutet vor allem: dass wir bereit sind, uns auf Neues einzulassen. Denn das ist das Ziel des Buches: Gründe aufzuzeigen, warum ein gelassener Umgang mit dem Neuen sinnvoll ist.

 

Frage: Herr von Gehlen, Sie wollen Deutschlands größten Brauchtumsverein gründen: Einen Verein für Menschen, deren Heimat das Internet ist. Einen Verein, der sich um die digitale Volkskultur bemüht und deren Förderung einfordert. Die Debatten der vergangenen Monate um Netzneutralität und Verlinkung einerseits sowie über Nationalismen und Hate Speech andererseits zeigen: Das Internet, das vielen Menschen Heimat ist, verdient Schutz und Pflege!

Ein Heimatsministerium haben wir ja bereits.

Also: Ernster Spaß oder ernster Ernst?

Antwort: Als das Familienministerium gegründet wurde, verstand man unter Familie auch etwas anderes als heute. Ich finde es nur legitim darüber nachzudenken, was Heimat im digitalen Zeitalter heißen kann. Ich habe dazu einen Vorschlag gemacht.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/was-ist-heimat-heimat-ist-wenn-sich-das-wlan-automatisch-verbindet-1.3836110

 

Frage: Noch eine letzte Frage aus aktuellem Anlass: Sie, als „Digital Native“, sind offen für alles rund um das Internet. Wie wichtig ist für Sie der Datenschutz? Nun kommt ja die EU Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) im Mai dieses Jahres. Die Geschehnisse rund um Cambridge Analytica und Facebook wurden in allen wichtigen Medien und Social Media-Kanälen diskutiert. In einem Interview mit t3n Anfang des Jahres sagen Sie, dass „ein Dienst wie Facebook an Bedeutung verlieren kann. Auch wenn es gerade nicht so aussieht.“

Haben Sie Ihre Meinung dazu geändert?

Antwort: Die Macht der großen Internetkonzerne Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft – häufig als GAFAM zusammengefasst – ist nicht gottgegeben. Ich glaube, dass das Internet als dezentrales Netzwerk eine großartige Erfindung ist. Es lohnt sich, sich für ihren Erhalt zu engagieren und für Dinge einzutreten, die wichtig sind für eine Gesellschaft. Deshalb glaube ich fest daran, dass wir in den nächsten Jahren das Aufkommen einer digitalen Zivilgesellschaft erleben werden.

 

Erleben Sie Dirk von Gehlen live am 25.4.2018, ab 18 Uhr!

Anmeldung und weitere Infos zum Zweiten Münchner Digital Dialog unter:

http://muenchner-webwoche.de/2_digital-dialog/